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Sonntag, 24. September 2017

So enden keine Märchen - Kurzgeschichte

[Achtung, Triggerwarnung. Ich kann dir das Lesen nicht empfehlen, wenn du psychisch labil bist und dich von einer Geschichte sehr mitreißen lassen kannst.]

Er betrachtete den Satz, der mit schwarzer Farbe an die weiße Hauswand gemalt worden war. Der Verfasser war offenbar in Eile gewesen, denn an vielen Stellen war Farbe hinuntergelaufen, sodass es aussah, als würden die Worte schwarze Tränen weinen. Bei genauerer Betrachtung war sie gar nicht weiß, die Wand, dachte er. Sie war grau, an manchen Stellen bräunlich und sobald das Ordnungsamt den Schriftzug übermalt hätte, würde sich das weiße Rechteck sicher deutlich vom Rest der Fassade abheben. Vielleicht sollte jemand alle Wände der Stadt bemalen, dachte er. Dann würden die auch mal wieder frisch gestrichen werden.
Er las den Satz noch einmal und dachte an sie.

Es war nun mehrere Monate her, seit er sie zuletzt gesehen hatte. Erst konnte er nicht glauben, dass das wirklich das Ende sein sollte, doch nachdem der Kontakt nun vollends abgebrochen war, gab es da keinen Zweifel mehr. Es war kein schönes Ende gewesen und ganz sicher keines, das er sich gewünscht hatte und dennoch war es nicht das schlimmste, was hätte passieren können.
Er schaute auf die Uhr, der Bus hatte Verspätung. Das passierte in letzter Zeit häufiger, doch er störte sich nicht daran. Er fand, dass man sowieso viel zu selten Zeit hatte, um einfach mal nichts zu tun. Die Leute erwarteten, dass man pünktlich war. Er konnte das zwar gut verstehen, hatte aber dennoch das Gefühl, viele Menschen würden ihr Gespür für die kleinen Dinge verlieren, irgendwo zwischen endlosem Zeitdruck und erzwungener Freizeit. Wer bei jedem Gespräch nebenbei noch seine Mails las, dem entging sogar die auffälligste Regung im Gesicht seines Gegenübers und wer bei jedem Spaziergang pausenlos die Uhr im Blick hatte, dem fielen nicht einmal die gröbsten Änderungen in der Umgebung auf.
Noch einmal las er den Satz, der ihn an eine Zeit erinnerte, an die er bis vor kurzem nicht denken konnte ohne dabei in ein tiefes Loch zu fallen oder zumindest nah an dessen Rand zu treten. Inzwischen war er soweit, dass er das Loch aus einiger Entfernung betrachten konnte und meistens der unerklärlichen Anziehungskraft der Schwärze widerstand. Nun jedoch fühlte er, wie die Bilder und Gefühle wiederkamen. Er kannte das zu gut. Irgendwo öffnete sich eine Tresortür und ihr Inhalt ergoss sich in seinen Geist, wo er sich festsog, wie Rotwein auf einem weißen Tischtuch. Es konnte überall und zu jeder Zeit passieren und jetzt war es wieder so weit. Die Bushaltestelle verschwamm und es wurde dunkel.

Er war wieder auf diesem Bahnsteig, verstört und eingeschüchtert, mitten in der Nacht. Er sah auf die elektrische Anzeige über ihm. Dreizehn Minuten stand dort und Verzweiflung überkam ihn.
Nur, weil es Sonntagnacht ist, dachte er, nur deswegen. Er schaute auf sein Smartphone und tippte. Er schrieb ihr, dass die Bahn so verdammt lang brauche. Im gleichen Moment hasste er sich dafür und hatte Angst. Was, wenn er sie damit in die Enge trieb, geradewegs in die Fänge des Monsters hinein? Er musste vorsichtig sein, das war ihm klar. Er wusste nicht, wieso er überhaupt in dieser Situation war. Er war weder dafür ausgebildet, noch hatte man ihm erklärt, wie man mit so einem Druck umging. Er tigerte auf dem Bahnsteig auf und ab und hoffte, dass die Zeit für sie langsamer verging.
Das Handy vibrierte und er las ihre Nachricht. Sie war verwirrt und er erklärte ihr, dass er auf dem Weg zu ihr sei. Gerade hatte sie ihm noch vorgeworfen, dass er nicht da war und nun schien es, als habe sie Angst vor ihm. Vermutlich war das Monster schon ganz nah. Er wusste, dass sie es nicht erkennen würde, nicht bekämpfen konnte. Er versuchte sie zu beruhigen. Er wollte ihr schreiben, dass nicht er der Feind war, aber das hätte sie nicht eingesehen. Er hoffte dennoch, dass irgendetwas in ihr sich dieser Tatsache bewusst war. Sie wollte wissen, wann er da sei und er sagte es ihr. Er sagte ihr, sie solle auf ihn warten und sie antwortete ihm, er solle sich beeilen. Ein Funken Hoffnung entzündete ein kleines Feuer in seinem Inneren. Vielleicht würde er sie beschützen können. Vielleicht wäre er noch rechtzeitig da.

Seine Gedanken verblassten, es wurde wieder Tag und er bemerkte, dass er sich an die gläserne Wand der Bushaltestelle gelehnt hatte. Ein kleiner Hund bellte ihn an. Er wusste nicht, ob er etwas getan hatte, um den Hund zu verärgern und sah sich, noch etwas benommen, nach einem Besitzer um. Eine ältere Dame kam um die Ecke und rief ihrem Hund zu, er solle aufhören immer fremde Leute anzubellen.
"Sie sehen etwas blass aus", sagte die Dame belustigt. "Kann so ein kleiner Hund Sie so sehr erschrecken?"
Sie zwinkerte ihm zu. Er bemerkte erst nach ein paar Sekunden, dass sie mit ihm sprach und hörte, wie die Leere in seinem Inneren für ihn antwortete.
"Nein, nein. Mir geht es gut, kein Problem. Wirklich."
Er lächelte, ohne sich große Mühe zu geben überzeugend auszusehen.
"Ach, na schön. Es tut mir leid, der kleine ist immer etwas übermütig. Mein Mann wollte unbedingt einen haben, wissen Sie. Ich mache mir ja eigentlich nicht so viel aus Hunden."
Sie schaute ihn erwartungsvoll an, wohl in der Hoffnung ein Gespräch über die Nachteile und Vorzüge der Hundehaltung beginnen zu können.
"Ja", sagte er und drehte sich weg.
Mit einem enttäuschten und vorwurfsvollen Seufzen nahm die Dame ihren Hund an die Leine und ging davon. Er sah ihr nach, dann streifte sein Blick wieder den Satz an der Hauswand. Er spürte wie die nächste schwarze Welle die Leere zu füllen begann und wieder verschwamm die Wand vor seinen Augen und verschwand.

Er stand vor ihr. Er wusste nicht, was er fühlte und er wusste nicht, wieso er nicht weinte. Man weint doch in so einer Situation, dachte er. Doch seine Gedanken waren klar und klare Gedanken lassen keine Tränen zu. Sie war auf eine kleine Treppe in der Nähe ihrer Wohnung geflüchtet. Es war kein gutes Versteck und so hatte er sie schnell gefunden. Jetzt saß sie dort vor ihm, ein Schatten des Mädchens, dass er ein dreiviertel Jahr zuvor kennengelernt hatte. Das Monster hatte sich an sie geschmiegt und sie in seinen Bann gerissen. In ihrer Hand hielt sie eine Tasse, die das Monster mit Dunkelheit gefüllt hatte. Es war nicht die Dunkelheit einer gemütlichen Sommernacht und auch nicht die Einschlafdunkelheit, die man nach einem harten Arbeitstag genoss. Nein, diese Dunkelheit war dichter, greifbar und dabei so unbegreiflich, wie es nichts im Leben ist. Und es war diese Dunkelheit, die sie sich nach und nach in den Mund schob. Ein Stück nach dem anderen nahm sie aus der Tasse, wiegte es kurz in der Hand, warf es sich zwischen ihre schönen Lippen und schluckte. Dann trank sie aus der Flasche, die zu ihren Füßen stand. Es war der Vodka, den er schon oft zwischen anderen Flaschen auf ihrem Wohnzimmerregal gesehen hatte. Das Monster lachte. Sie schaute ihn ausdruckslos an und er setzte sich zu ihr, nahm sie in den Arm und versuchte das Monster ein Stück wegzuschieben. Gleichzeitig begann er beruhigend auf sie einzureden und versuchte die richtigen Worte zu finden, überhaupt Worte zu finden. Das Monster wurde wütend und brüllte ihn an. Er ignorierte es, denn gerade warf sie sich ein paar Stücken Dunkelheit auf einmal in den Mund. Kurzerhand steckte er seine Finger zwischen ihre Zähne und zwang sie, die Dunkelheit wieder auszuspucken. Sie mochte es nicht, sie wollte nicht, dass er das tat, doch sie war schwach. Er spürte, dass sie sich nicht wehren konnte und er spürte, dass das Monster das auch wusste. Es ließ ein tiefes Grollen ertönen und sie stand auf. Sie sah ihn an und kurz hatte er die Hoffnung, dass sie das Monster nun gemeinsam bekämpfen könnten, doch im selben Moment begann es wieder zu lachen und sie rannte los. Etwas schwarzes kam die Straße herauf und sie rannte darauf zu. Er packte ihre Sachen zusammen, ging ihr nach und ließ das lachende Monster hinter sich stehen. Er wusste, dass der Bann mit jedem Schritt, den sie sich vom Monster entfernte, nachlassen würde, er hoffte es jedenfalls.
Wie ein Rammbock aus Dunkelheit raste die Schwärze nun auf sie zu und es war offensichtlich, dass das Monster nun versuchte diese Sache schnell und unsauber zu erledigen. Doch im letzten Moment wich sie aus, machte einen kleinen Bogen und entging dem Aufprall. Er holte sie ein, etwas außer Atem, und packte sie. Sie erschrak.
"Hast du meine Sachen?", fragte sie tonlos und sah kurz danach wieder genauso benommen aus wie zuvor. Er bejahte und begann sie vorsichtig in Richtung ihrer Haustür zu ziehen. Sie wollte sich losreißen, wahrscheinlich wollte sie schreien, ihn kratzen oder beißen, doch all das führte nur zu einer kleinen Bewegung ihres Arms, die ihn kaum aufhalten konnte. Er schloss die Tür auf, führte sie die Treppe hinauf und dann hinein in ihre Wohnung. Das Monster blieb draußen zurück.
Sie setzten sich auf die Couch im Wohnzimmer, er atmete tief ein und schloss die Augen. Sie lehnte sich an ihn und schwieg. So saßen sie beide eine Weile da bis sie ihm sagte, sie müsse auf Toilette. Er öffnete die Augen, lächelte sie an und sie stand auf und ging ins Bad. Er wollte sich gerade wieder zurücklehnen, als ein lautes Brüllen erklang und der Wohnungsflur sich mit Dunkelheit füllte. Sofort war er auf den Beinen und ging zur Badezimmertür hinüber. Er klopfte und bekam keine Antwort.
"Alles okay bei dir?", fragte er laut.
Wieder keine Antwort.
Die Tür war abgeschlossen, doch er wusste, wie er sie von außen aufschließen konnte. Er betrat das Badezimmer und erneut sah er sie vor sich sitzen. Das Monster grinste ihn an. Sie hatte ein dünnes Stück Dunkelheit in der Hand und strich es sich gerade über die Haut am Unterarm. Sofort entstand ein roter Streifen und Blut tropfte auf den Boden. Er sah, dass sie auch aus anderen Wunden blutete und stieß einen Fluch aus. Er hockte sich neben sie, half ihr auf die Beine und führte sie zum Waschbecken. Sie wirkte kraft- und willenlos. Er öffnete den Wasserhahn und wusch ihre Wunden. Sie sagte leise, das Trocknen könne sie selbst und so ging er ins Wohnzimmer und holte Verbandszeug und Pflaster. Das Monster war still geworden und es schien, als hätte es für den Moment aufgegeben.
Er verband ihre Wunden, während sie sich gleichzeitig an ihn kuschelte. Seltsamerweise spürte er eine Wärme, wie noch nie zuvor. Ihm war, als wäre er nie einem Menschen so nahe gewesen, wie ihr in diesem Augenblick.
Nachdem die Wunden versorgt waren, saßen sie wieder auf der Couch und schauten Fernsehen. Sie taten so, als wäre nichts gewesen.

Noch zwei oder drei Mal ging sie an diesem Abend ins Bad und noch zwei oder drei Mal öffnete er die Tür, half ihr auf und verband ihre Wunden. Mit jedem Mal wurde das Monster kleiner und irgendwann war es ganz verschwunden. Sie hatten es besiegt. Es hatte sie schon fast verschlungen gehabt und fast wäre sie ihm erlegen, doch mit seiner Hilfe hatte sie es geschafft. Irgendwo in der Erschöpfung spürte er ein wenig Stolz. Und da war noch etwas anderes, etwas dunkles, das sich in seinem Inneren festgebissen hatte und ihm Angst machte. Dann schlief er ein.
Später einmal sagte sie ihm, sie könne sich an den Abend eigentlich gar nicht erinnern. Doch es dauerte Monate bis er sie wieder ohne Angst ins Badezimmer gehen lassen konnte und noch länger bis er die Treppe vor ihrer Wohnung anschauen konnte, ohne Angst vor dem Monster zu haben, das dort noch in den Schatten lauern mochte.

Er hörte, wie sich vor ihm Bustüren öffneten und schlagartig war er wieder an der sonnigen Bushaltestelle in der Gegenwart. Kurz orientierte er sich, dann bewegte er sich langsam Richtung Bus und stieg ein.
"Sorry für die Verspätung", sagte der Fahrer, während er seine Monatskarte vorzeigte.
"War mal wieder ganz schön voll an der Baustelle vorne an der Kreuzung", sprach der Fahrer weiter. "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann stehen sie noch heute im Stau."
Der Fahrer lachte und zwinkerte ihm zu. Er lächelte, steckte seinen Fahrschein ein, zwängte sich auf einen der letzten freien Plätze und sah aus dem Fenster. Nochmal las er den Satz und war sich sicher, dass er noch nie etwas so wahres gelesen hatte.
Als er am Abend, mehrere Stunden später, auf dem Heimweg an der Bushaltestelle vorbeikam, war dort kein Satz mehr. An der Hauswand prangte ein großes weißes Rechteck, das sich deutlich vom Rest der Fassade abhob. Er lächelte und ging nach Hause.

Beendet am 24.09.2017

Montag, 18. September 2017

Recover

Lately the first sun rays of this summer touched my skin
and I realized that I am on a way upwards

I start feeling better and more pretty
without the need for medicine
I feel the sensation of tasting carrots
instead of chips and chocolate
I feel like I am on a flight through my life
without weed and alcohol
I smile while I am walking around
just because I love the music I am listening too

Lately I remembered how I used to play the drums
before everything started to break apart

Lately I started looking forward to play the drums again some day
when I am back in the rhythm of life

19.05.2017

Die schwarze Feder - Kurzgeschichte

Sie liegt wieder einmal allein und traurig in ihrem Bett.
Sie dachte oft lange über Dinge nach und hatte es längst aufgegeben mit anderen darüber zu sprechen.
Viele hielten sie für sonderbar. Ihre Mutter hatte einmal gesagt, sie solle die Leute nicht immer so nerven mit ihrem ganzen Quatsch. So hatte sie schnell gelernt, dass man leichter durchs Leben kam, wenn man versuchte sich anzupassen und über all das zu reden, worüber die anderen gerne sprachen.
Oft langweilte sie das. Manchmal breitete sich sogar dieses seltsame, unangenehme Gefühl in ihr aus, wenn sie wieder einmal eines der oberflächlichen Gespräche führte. Sie hatte davon noch niemandem erzählt und dennoch hatte sie auch darüber schon oft nachgedacht. Dieses Gefühl schien tief aus ihrem Inneren zu kommen, vielleicht aus ihrem Bauch, vielleicht aus dem Herz; sie war sich nicht sicher. Was sie wusste, war, dass sie dann jedes Mal am liebsten einfach gehen würde oder noch besser, ihrem Gegenüber kräftig gegens Schienbein treten oder ins Gesicht schlagen und ihn anschreien, er solle endlich sein verdammtes Maul halten.
Doch natürlich hatte sie das noch nie getan; sie nickte immer, lächelte und versuchte an den passenden Stellen einen kurzen Kommentar einzuwerfen.
Sie hatte viele Dinge noch nie getan.
Sie war noch nie einfach mal spontan in einen Zug gestiegen und weggefahren und sie war auch noch nie blind auf eine vielbefahrene Straße gelaufen.
Dennoch dachte sie oft an solche und ähnliche Dinge und fragte sich, wie es sich anfühlen würde und wie solche Situationen wohl enden würden.

Sie blickt auf den kleinen Radiowecker, dessen elektrischgrüne Schrift im Dunkeln leuchtet. Der neue Tag hat schon längst begonnen und wieder einmal begrüßt sie ihn, ohne vorher geschlafen zu haben.
Einmal hatte sie eine ganze Nacht darüber nachgedacht, ob der Tag für jeden Menschen ganz individuell endet, mit dem Zeitpunkt des Einschlafens, oder ob es tatsächlich die Sonne und die Uhren sind, die darüber die Kontrolle haben. Als dann die Sonne aufging und sie ohne geschlafen zu haben wieder aufstand, war sie sich sicher, dass dieser Tag mehr als 24 Stunden hatte.

Jetzt liegt sie dort im Dunkeln in ihrem Bett und rennt im Kopf ihre Kreise.
Ein Gedanke führt zum nächsten, dieser zu einem weiteren, der dann wieder im ersten endet.
Sie nimmt eine zweite Tablette.
Der Arzt hatte gesagt, dass diese Tabletten helfen ihre Gedanken zu beruhigen. Wenn eine nicht reiche, solle sie eine weitere nehmen. Niemals jedoch mehr als zwei. Das hatte der Arzt gesagt.
Meistens nimmt sie zwei, ganz selten sogar drei, immer mit diesem unguten Gefühl im Bauch, etwas schlechtes zu tun.
Doch der Arzt wusste nichts von den wirklich schlimmen Gedanken, von den Gedanken, die begannen sie von innen aufzufressen.
Sie hatte gehört, dass Leute in bestimmte Krankenhäuser kamen, wenn ihre Gedanken zu schlimm waren. Und wenn sie auch bei vielem unsicher ist, sie weiß, dass sie dort niemals hin möchte.
Deswegen nimmt sie manchmal drei Tabletten und schläft dann zwölf Stunden oder mehr. Damit kommt sie klar.

Sie blickt in die dunkle Ecke neben dem Fenster. Der Mond scheint in dieser Nacht nur schwach durch die Wolken und die Schatten haben sich sanft in ihrem Zimmer verteilt.
Doch plötzlich hat sie das Gefühl, die Schatten würden sich bewegen. Sie hat das Gefühl, sie würden sich auftürmen zu einem großen, dunklen Wesen.
Schnell nimmt sie eine weitere Tablette.
Sie schließt die Augen und wartet darauf, dass die Chemie in ihrem Kopf Wirkung zeigt.
Wie das wohl funktioniert, fragt sie sich und stellt sich vor, wie kleine Elektrizitätsbälle auf ihren Nervenbahnen zum Gehirn rasen und dort die gewollten Schalter umlegen.
Sie beginnt zu schwitzen. Irgendetwas stimmt nicht, denkt sie und ihr Atem wird plötzlich schneller. Sie hat Angst. Sie weiß nicht genau wovor und sie will es eigentlich auch gar nicht wissen.
Als sie die Augen öffnet, hofft sie, geschlafen zu haben und das neue Tageslicht zu erblicken. Doch stattdessen steht dort immernoch die dunkle, wabernde Gestalt in der Ecke.
Sie hat das Gefühl, hunderte kleiner, gelber Augen würden sie anstarren.
So schlimm war es noch nie, zumindest kann sie sich nicht daran erinnern.
Sie nimmt vorsichtshalber noch eine Tablette.
Das Wesen kommt näher.
Eine der dunklen Wolken, die es umgeben, streift ihr Bein. Ihr Körper reagiert mit Gänsehaut, ihr Kopf reagiert mit noch mehr Angst.
Sie schaut aus dem Fenster und sieht, wie eine Wolke gerade das letzte Mondlicht verschluckt.
Völlige Dunkelheit.
Finsternis.
Und vor ihrem Bett, noch dunkler als die Schwärze, steht die Schattengestalt.
Ihr wird schlagartig klar, dass es die Dämonen, vor denen sie sich immer gefürchtet hatte, also doch gibt.
Sie hat Angst.
Wieso nur, muss der Dämon ausgerechnet jetzt erscheinen, nachts, wenn sie sowieso schon Angst hat, wenn sie einsam ist, wenn sie doch einfach nur schlafen möchte.
Ein Gedanke tötet mit einem Schlag alle anderen. Was, wenn sie nun verflucht ist? Was, wenn dieses Wesen nie wieder weg geht, wenn die Sonne ihm nichts anhaben kann?
Ihre Angst steigt ins Unermessliche, ihr Herz zieht sich zusammen, irgendetwas in ihr möchte ihren Brustkorb aufreißen und nach draußen springen.
Sie nimmt noch eine Tablette, betet dafür endlich einzuschlafen.
Doch stattdessen beginnt nun ihre Haut fürchterlich zu jucken, sie fängt an sich hin und her zu drehen und muss sich aufsetzen.
Ihr Gesicht nun direkt vor dem Dämon, blickt sie tief in zwei der gelben Augen.
Sie beginnt leise zu weinen.
Plötzlich erklingt Gelächter, verborgene Münder machen sich über sie lustig, so wie es so viele andere tagsüber ganz offen tun.
Sie schluchzt und nimmt noch zwei Tabletten.
Warum nur wirken die Scheißdinger nicht, fragt sie sich, als der Schlaf sie plötzlich wie eine Faust ins Gesicht trifft und sie zurück ins Kissen wirft.
Endlich, ist das letzte was sie denkt, kurz bevor ihr die Augen zufallen.

Im gleichen Moment wird es hell, sie steht auf einer sonnendurchfluteten Lichtung, umgeben von sanftduftenden Tannen. Sie atmet tief durch, genießt die Wärme auf der Haut und den Geruch in der Nase.
Ihre Augen folgen einem kleinen, gelben Schmetterling und bleiben an etwas blauschillerndem in einem der Bäume hängen. Langsam, aber ohne Angst, geht sie darauf zu.
Als sie näher kommt hört sie das leise Zwitschern eines Vogels.
Dort im Baum, auf einem Ast etwas höher als ihr Kopf, sitzt er. Eingehüllt in ein leuchtendes blaues Federkleid beobachtet er sie mit einem seiner kleinen schwarzen Augen.
Sie bleibt vor ihm stehen und sieht zu ihm hoch.
"Da bist du ja", sagt der Vogel. Seine Stimme ist hoch, fast schrill, aber seltsamer Weise mag sie den Klang. Sie überlegt, ob es nicht seltsam ist, dass der Vogel spricht, kann dann aber nichts Ungewöhnliches daran finden.
"Hast du auf mich gewartet?", fragt sie den Vogel.
"Nun, zumindest habe ich dich dort hinten auf der Wiese stehen sehen und erwartet, dass du herkommen wirst."
"Wieso hast du das erwartet?", fragt sie weiter.
"Das ist eine gute Frage. Du musst wissen, dass alle, die hier landen, irgendwann zu mir kommen.", antwortet der Vogel.
"Wer bist du denn?", fragt sie etwas verunsichert.
"Wer ich bin? Das würde ich dir gerne sagen, doch du wirst es schon bald selbst herausfinden. Was denkst du denn, wer ich bin?"
"Du siehst aus wie ein Vogel, zwar ein besonders schöner, aber eben nur ein Vogel."
"Ein Vogel, interessant.", murmelt der Vogel, "Danke für das Kompliment. Komm, setz dich zu mir."
Er flattert zu einem nahegelegenen Baumstumpf und landet auf dessen Rand. Sie geht hinterher und setzt sich im Schneidersitz davor.
"Schließ' die Augen, ich möchte dir etwas zeigen", sagt der Vogel.
Sie schließt ihre Augen und wartet gespannt auf das, was gleich passieren soll.
"Wer hier her kommt hat meist großen Kummer", sagt der Vogel, "Viele sind verzweifelt, anderen ist etwas widerfahren, dass sie nicht verstehen. Sag' mir, was du siehst."
"Ich sehe nichts", murmelt sie unsicher.
"Sieh' genau hin, woran denkst du, was siehst du?", fragt der Vogel fordernd.
"Dunkelheit. Ich habe Angst vor der Dunkelheit.", flüstert sie.
"Und wo kommt diese Dunkelheit her?"
"Aus meinem Inneren und gefüttert wird sie von den anderen."
"Wer sind diese anderen?"
"Menschen, alle Menschen. Sie ignorieren mich, sie lachen über mich, sie verspotten mich. Und jedes Mal wird die Dunkelheit noch dunkler", sie ist kurz davor zu weinen.
"Hey, weine nicht", trällert der Vogel fröhlich, "Mach die Augen auf!"
Sie öffnet die Augen und sieht ihn unsicher an.
"Du bist hier in einem Traum, weißt du? Hier ist alles möglich. Du musst keine Angst vor der Dunkelheit haben!", sagt er und flattert dabei mit seinen schillernden Flügeln.
"Aber sie ist so stark, sie frisst mich auf.", erwidert sie traurig und schaut zu Boden.
"Nicht hier!", ruft der Vogel, "Sieh her!"
Sie wendet ihren Blick wieder dem Vogel zu.
Plötzlich kommt ein starker Wind auf und zerzaust ihr Haar. Sie erschrickt, als sie plötzlich umgeben ist von blauen Federn. Als der Wind abflaut sitzt an Stelle des blauen Vogels ein majestätischer pechschwarzer Rabe auf dem Baumstumpf.
"Schau", krächzt der Rabe, "So einfach geht das hier. Was eben noch war, ist im nächsten Moment vergangen."
Sie weiß nicht was sie sagen soll und öffnet ihren Mund zwei Mal unschlüssig.
Der Rabe verfällt in ein kurzes, krächzendes Lachen.
"Ja, so schauen Sie alle irgendwann. Aber hab keine Angst, ich bin immernoch der gleiche", spricht der Rabe und hüpft in die Mitte des Baumstumpfes.
"Möchtest du mir eine Frage stellen?", der Rabe schaut sie herausfordernd an.
"Ich weiß nicht", sie schaut wieder zu Boden.
"Nur zu, ich werde dir alles beantworten."
"Gut. Dann sag mir, warum die Menschen alle so gemein und böse sind", sie blickt ihn an.
"Eine interessante Frage. Man möchte fast sagen, eine allumfassende Antwort ist kaum möglich."
Sie schaut enttäuscht am Raben vorbei in einen der Bäume.
"Nicht so voreilig, meine Liebe", fährt der Rabe krächzend fort, "Ich gebe dir eine Antwort. Was ist der auffälligste Unterschied zwischen Menschen und Vögeln?"
"Vögel können fliegen", antworte sie ohne nachzudenken.
"Genau", sagt der Rabe, "Menschen sind oft gefangen, an dem Punkt, an dem sie gerade stehen. Sie können nicht einfach wegfliegen. Das verbittert viele und so sind sie neidisch, vor allem auf diejenigen, die wie ein Vogel einfach entfliegen können. Sie sind neidisch auf Leute wie dich, denn du denkst über vieles nach. Deine Fantasie erlaubt es dir, überall hinzugehen, wohin du willst. Sie empfinden dich als sonderbar und stoßen dich davon, doch insgeheim wollen sie alle so sein, wie du."
"Wow", staunt sie, "so habe ich das noch nie gesehen."
"Ich weiß!", wieder verfällt der Rabe in ein kurzes Lachen. "Dafür bin ich ja da", sagt er und zwinkert ihr zu.
"Hast du einen Wunsch?", fragt er.
Sie antwortet sofort: "Ich möchte frei sein. Nicht nur in meiner Fantasie. Ich möchte, dass die Dunkelheit geht. Am liebsten möchte ich weit weg fliegen, irgendwohin, wo ich meine Ruhe habe vor all den neidischen Menschen."
Der Rabe scheint zu lächeln. "Das dachte ich mir", sagt er, "Dann komm mal mit."

Der Rabe breitet seine Flügel aus, flattert und steigt in die Luft. Sie schaut ihm hinterher und bemerkt plötzlich, dass es Nacht geworden war. Das schwarze Gefieder des Raben zeichnet sich deutlich vor dem großen, runden Vollmond ab, der direkt über ihr zu stehen scheint.
"Na komm!", ruft der Rabe und schaut zu ihr herunter.
Noch während sie überlegt, was er meinen könnte, wird der Baumstumpf plötzlich kleiner. Als sie sich umschaut bemerkt sie, dass sie schwebt. Sie fliegt tatsächlich durch die Luft!
Sie fängt an zu lachen, so frei hatte sie sich noch nie gefühlt.
"Na, geht doch!", ruft der Rabe und fliegt weiter Richtung Mond.
Sie folgt ihm lächelnd.
"Wo fliegen wir hin?", fragt sie ihn.
"In die Freiheit", antwortet der Rabe.
Der Baumstumpf, die Lichtung, der ganze Wald werden immer kleiner und kleiner und sind bald im Dunkel der Nacht verschwunden. Nur die große, sanftleuchtende Scheibe des Mondes ist unverändert vor ihr.
Immer friedlicher wird sie, immer mehr vergisst sie die Dunkelheit und die schlimmen Gedanken. Sie spürt, dass sie endlich die Dämonen besiegt hat. Sie werden ihr nie wieder etwas anhaben können, davon ist sie überzeugt.
Ein kleiner, gelber Schmetterling schaut ihnen zu, bis sie kaum mehr als zwei kleine schwarze Punkte vor der großen Mondscheibe sind und verschwindet dann im Wald.

"Du verschläfst!", ihre Mutter kommt genervt ins Zimmer gelaufen, ohne anzuklopfen, wie immer.
Die Morgensonne scheint durchs Fenster, jede Ecke des Raumes wird vom neuen Tageslicht erhellt.
Sie liegt noch immer in ihrem Bett, sie lächelt sanft. Sie lächelt stumm, ihre Augen geschlossen.
Das erste Mal in ihrem Leben, bemerkt die Mutter, wie schön ihre Tochter eigentlich ist.

Nicht viele waren zur Beerdigung gekommen. Ein schlichter Grabstein markierte die Stelle, an der man sie vergraben hatte. Ein unbeteiligter Beobachter mochte in einigen Augen lesen, dass man irgendwo tief drinnen fast froh war, sich nicht mehr mit ihr beschäftigen zu müssen. Die Tränen der Mutter waren dennoch echt und auch die allgemeine Trauer hing spürbar schwer in der Luft.
Viel zu sagen hatte niemand und so blieben die meisten Emotionen unter dem Deckmantel der unangenehmen Stille verborgen.
Nur einmal kam etwas Bewegung in die Trauergemeinschaft. Kurz bevor man im Begriff war, die Feier aufzulösen, zuckten viele zusammen, als plötzlich laut krächzend ein Rabe von einem nahen Baumstumpf in den Himmel stieg. Er zog einen Kreis über der Trauerfeier und flog dann in Richtung Horizont.
Und so kam es, dass der letzte Blick zum Grab einer schwarzen Feder galt, die sanft schwebend in kleinen Kreisen zu Boden fiel und vor dem Grabstein zum Liegen kam; der einzige Schmuck an dem kleinen Grab mit dem unauffälligen Grabstein.


Beendet am 08.05.2016

Samstag, 16. September 2017

Panda

Über seinem Fernseher hängt das Bild eines Pandas.
Es ist das letzte, was er sieht, bevor er das Licht ausmacht und das erste, was er sieht, wenn er morgens aufwacht.
Es ist ein sehr junger Panda, gemalt in bunten Farben, der mit einem kleinen Ball spielt. Er hatte es im Internet gefunden und wusste, dass er es für sein Zimmer in der neuen Wohnung kaufen musste.
Der Panda schaut immer zu ihm, wenn er im Bett liegt.
In seinem Bett ist viel mehr Platz als er braucht, weil er darauf hofft, dass irgendwann noch jemand anderes darin liegen wird. Aber noch ist eine Seite immer leer, menschenleer zumindest. Meist sammelt sich dort der Müll der Tage an, in denen er es kaum schafft, das Bett zu verlassen.
Doch zwischen dem Müll, aber immer sorgfältig vor Verschmutzung beschützt, liegen und sitzen die Freunde des bunten Pandas. Inzwischen sind es vier. Vier Pandas in verschiedenen Größen und Formen.
Natürlich sind es keine echten Tiere, nein, es sind Kuscheltiere.
Es gibt noch einen fünften Panda, den hat allerdings der einzige Mensch, der ihm wirklich viel bedeutet. Er hatte gehofft, dass der Panda, der erste den er je bekommen hatte, diesem Menschen helfen könnte. Und vielleicht hatte es sogar funktioniert. Zumindest gibt es Panda und Mensch noch und beide sind ihm immer noch sehr wichtig.
Er ist 21 und hat mehr Kuscheltiere als so manches Kind, aber das stört ihn nicht. Damals in der Klinik, da hatten einige zwar über seinen Panda gelacht, aber auch das hat er verkraftet.
Seine wenigen Freunde wissen alle, wie sehr er Pandas mag. Die weiblichen unter ihnen finden es im Allgemeinen recht niedlich. Einige nennen ihn sogar Panda.
Doch kaum jemand weiß, was all die Pandas eigentlich bedeuten.
Kaum jemand weiß von den Nächten, in denen er nichts anderes hatte als ein Pandakuscheltier, um sich daran festzuhalten. Kaum jemand weiß, wie viel Leid seine Pandas schon ertragen mussten und wie er sich immer dazu gezwungen hat, sie wegzudrehen, wenn er sich wieder einmal selbst verletzte.
Seit er erfahren hatte, wie echte Pandas sich verhalten, wusste er, dass er sich mit diesen Tieren identifizieren kann.
Fühlt ein Panda sich bedroht, zieht er sich zurück, rollt sich zusammen und hält sich die Pfoten vor die Augen. Erst, wenn es wirklich nicht mehr anders geht, fletscht er seine Zähne und greift an.
Damit konnte er sich identifizieren und hatte sein Lieblingstier gefunden.

Seine Seele ist für ihn eine große leuchtende Kugel.
Und sie wird von einem großen Panda beschützt.
Der Panda hat sie in seinem Maul und oft ruht der Panda und schläft, die Seele unantastbar hinter seinen Zähnen.
Doch immer wieder kommt die Dunkelheit und umgibt Panda und Seele.
Böse Wesen versuchen sich die Seele zu holen und der Panda fängt an zu kämpfen. Er kämpft und kämpft, bis aufs Blut, doch manchmal reicht es nicht aus.
Manchmal entreißt ihm die Dunkelheit die Seele und dann ist sie schutzlos allem ausgeliefert, was das Dunkle ihr antut.
Irgendwann ziehen die dunklen Wesen sich wieder zurück, wenn ihr Werk getan ist.
Immer dann schleppt der Panda sich zur verletzten Seele, nimmt sie sanft in seine beiden Pfoten und dann wieder in sein Maul. Dann kriecht er zurück zu seinem Platz und wartet. Er wartet bis seine Wunden wieder verheilen und er wieder genug Kraft hat, die Seele zu verteidigen.

Kaum jemand weiß davon; sie wissen nur, dass er Pandas mag. Sie wissen nicht, dass er versucht dem Panda in seinem Inneren Kraft zu geben, indem er sich mit anderen Pandas umgibt. Sie wissen nicht, dass die dunklen Wesen ihn immer wieder angreifen und er deswegen Angst vor dem Schlafen und der Dunkelheit hat.
Kaum jemand weiß, wie oft er nur hilflos zusehen kann, wie der Panda um seine Seele kämpft und wie oft er darin versagt den Panda zu unterstützen.
Kaum jemand weiß all das und kaum jemand würde es verstehen.

Aber sie wissen, dass er Pandas mag.
Und manchmal machen sie sich lustig über ihn.
Aber das stört ihn nicht.

08.07.2017